Literaturbericht: Arno Schmidts "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen"

Tja, Fouqué, Fouqué: "wie bin ich bloß auf den gekommen?
Naja, E.T.A. Hoffmann ist sicher der bedeutendere Mann,
aber Fouqué (...) er war halt der einzige der Romantiker,
der noch frei war, unverbiographiert (...)"
Drews (1995), S. 61

1. Die Veröffentlichungsgeschichte der Biographie

Der "Fouqué" - selbst von Schmidt-Fans manchmal wie ein schwer begreiflicher Fehltritt nur mit einem bedenklichen Kopfschütteln bedacht - ist bis heute ein zwar durchaus gelesenes, aber meist geringgeschätztes, zur Seite geschobenes Hauptwerk seines Autors. Ein Hauptwerk, das, wie Wolfgang Albrecht meint, "hinsichtlich eines gravierenden Mißverhältnisses von enthusiastischem Arbeitsaufwand und verständnisarmer zeitgenössischer Aufnahme ungemein an die Farbenlehre Goethes erinnert (...)"1) Nicht nur der Umfang macht die Biographie suspekt, sie will sich als scheinbar eigenständiger Block nicht so recht in die Perioden des Werkes Arno Schmidts einfügen. Sie ist Stiefkind geblieben, obgleich sie sich mit der für Schmidt zentralen literarischen Schlüsselfigur des größten Teils seines Lebens - Fouqué - beschäftigt und sie in Sammelfleiß und Akribie durchaus dem Großwerk "Zettel´s Traum" nicht nachstehen muss.

Dass die Geschichte der Biographie "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen"2) äußerst eng mit Schmidts eigener Biographie und einem entscheidenden Wendepunkt in der Entstehung seines literarischen Werkes in Zusammenhang steht, wird schon dadurch deutlich, dass Schmidt eigenen Angaben zufolge mit Recherchen zu Leben und Werk Fouqués bereits Mitte der 30-er Jahre begonnen hat. Die erste Begegnung mit dem Romantiker, so ein "Initiationsmärchen"3) Schmidts, fand angeblich im Juni 1932 statt4). Nachdem die Vorarbeiten, die auch während seiner Stationierung als Soldat in Norwegen während des zweiten Weltkrieges fortgesetzt wurden, und die gesammelten Unterlagen bei der Flucht aus Schlesien verlorengegangen waren5), begann er im Herbst 1946 erneut mit Materialsammlungen, die über viele Jahre hinweg einen Großteil seiner Arbeitszeit aufzehrten. Öffentlich bekannt wurde Schmidts Beschäftigung mit einer Fouqué-Biographie bereits Ende 19506), die abschließende vollständige Niederschrift erfolgte nach den langen Vorarbeiten in der extrem kurzen Zeit von wenigen Wochen zwischen dem 11.12.1951 und dem 15.02.1952.7) Zeitlich gesehen kommt damit ein gedanklicher und schriftstellerischer Prozess zum Abschluss, der bis in Arno Schmidts Jugend hineinreicht und - von der Perspektive einer geistigen Auseinandersetzung aus - in ständig präsenter Weise sowohl sein gesamtes Frühwerk, die "Juvenilia", als auch die vielfältige und breite literarische Produktion in den 50-er Jahren begleitet hat. Der Abschluss fällt zeitlich zwar in die Phase einer ersten Etablierung als deutscher Nachkriegsschriftsteller, doch vollzieht sich parallel zur Entstehung der Biographie eben jener entscheidende Wandel in Schmidts Schreibweise wie in seiner Themenwahl. Der Abschluss der Biographie, für die "zwei mal zehntausend Arbeitsstunden" zur "Aufhellung des Lebenslaufes des Ein= und Einzigsten"8) investiert wurden - eine zermürbende Großtat, wie sie Schmidt später bei "Zettel´s Traum" wiederholte, dürfte in jedem Fall als Befreiung von einer fast alphaften Last bedeutet haben. Literarische Ressourcen konnten nun neuen Projekten zugewendet werden, die allerdings weiterhin unter dem Eindruck der herkulischen Arbeit standen und von dieser - ob im Stil, ob in Textbezügen - mit geprägt werden mussten.

Gerade der Biographie Schmidts und seiner Werkgeschichte in den 50-er Jahre ist daher genauer nachzugehen, wenn die Bedeutung des "Fouqué" auf das literarische Schaffen und besonders auf das Schaffen des für Schmidt so bedeutsamen Jahrzehnts zwischen 1950 und 1960 ermessen werden soll. Die materielle Not des Autors ist ja legendär, Anfang der 50-er kann er wegen der geringen Erträge seiner Bücher und Übersetzungen kaum leben. Er empfindet sich als "Zuhälter der Muse", da er, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, zu Zeitungsgeschichten und den literarischen Nachtprogrammen gezwungen ist. Schmidt bekennt sogar, dass er nur schwer und ungern schreibt, nach Beendigung des "Fouqué" und des "Steinernen Herzens" (1955) scheint eine innere Leere eingekehrt zu sein. Auf der anderen Seite findet, nicht zuletzt durch den zum Abschluss gekommenen Fouqué-Komplex, eine Hinwendung zur Literatur der Vergangenheit und eine Ausschlachtung der Fouqué-Biographie für das eigene literarische Schreiben statt, wodurch sich die Verbindung zwischen Lesen und Schreiben bei Schmidt immer mehr verzahnt.9) Und, so ein wichtiger weiter zu verfolgender Hinweis von Albrecht: "Außer Zweifel steht der Stellenwert der Fouqué-Biographie in seinem eigenen Gesamtwerk. Er erarbeitete sich mit ihr wesentliche Kriterien, nach denen er seine Funkdialoge und zahlreiche Artikel schrieb."10)

Arno Schmidt tat sich nicht leicht, für das 1952 beendete Typoskript einen Verleger zu finden. Neben dem Rowohlt Verlag, dessen Lektor Marek absagte, wandte sich Schmidt mindestens an sechs weitere Verlage, um seinen "Fouqué" unterzubringen.11) Wohl erst ab 1955 zeichnete sich mit der Kontaktaufnahme zu dem kleinen Darmstädter Verlag Bläschke die Möglichkeit einer Publikation ab, die, da sich der Satz wegen der kleinen Schrift sehr aufwendig gestaltete, erst 1958 in einer kartonierten Auflage von 1.000 Stück mündete, die wohl erst 1959 ausgeliefert wurde. Zuerst erschienen ist auf dem Buchmarkt nämlich die Leinenausgabe des Verlages Stahlberg (600 Stück, 50 Exemplare in Leder und vom Autor signiert), der, nachdem von ihm bereits Schmidts "Fouqué" abgelehnt worden war, den Satz des Verlages Bläschke verwenden konnte und eine Vorabausgabe tätigte. Bereits 195912) druckte Bläschke eine "2., verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage“ (734 Seiten) von 3.000 Exemplaren. Mit der ersten Abfassung der Biographie im Jahre 1952 kann also von einem Werk aus drei Abfassungsschichten gesprochen werden, die bislang noch keinem Vergleich unterzogen wurden. Einer Entwicklungsgenese und eventuellen inhaltlichen oder sprachlichen Veränderungen muss noch nachgegangen werden.

Die Umschlaggestaltung des "Fouqué" wurde der Frau von Schmidts Freund Alfred Andersch, Gisela Andersch, übertragen. Den ausgezeichnet gelungenen Klappentext verfasste Ernst Krawehl. Bereits vor den ersten Rezensenten fomulierte er einfühlsam den Gegensatz zwischen dem modernen Romancier und dem scheinbar antiquierten Romantiker Fouqué und wies zudem auf die akribische Arbeitsweise Schmidts hin.13) Als besonderes, und bis heute noch zu sehr vernachlässigtes, Charakteristium der Biographie stellt er weiter deren "Beitrag zur Soziologie der deutschen Dichtung" heraus.

Dass Schmidt seine Biographie nach sechs vergeblichen Jahren gleich bei zwei Verlagen platzieren konnte, dürfte - wie Stiftel herausarbeitet14) - nicht zuletzt an dem zwischen 1956 und 1959 feststellbaren Höhepunkt der Rezeption Arno Schmidts (1958-59: 102 Beiträge, davon 35 zur Fouqué-Biographie) liegen, der mit einem Höhepunkt seiner publizistischen Tätigkeit (alleine 1958 zwei Bücher, 21 Hörfunksendungen und 39 Beiträge in Periodika) einhergeht. Erst dies ermöglichte, dass der sehr umfangreiche und anspruchsvolle Text überhaupt publizierbar wurde, dass die scheinbar fern von Schmidts literarischem Schaffen liegende und ein wenig anachronistisch wirkende Biographie in die Öffentlichkeit und an eine breite Leserschaft gelangte.

Daraus ist zumindest teilweise erklärbar, dass sich die Geschichte der Biographie fast wie eine Erfolgsgeschichte zu lesen beginnt. Das Buch, nachdem es schnell und über mehrere Jahre vergriffen war, wurde vom Zweitausendeins-Verlag in Frankfurt in einem unveränderten Nachdruck der 2. Auflage 1977 und 1978 jeweils mit 4.000 Exemplaren auf den Markt geworfen und - gedanklich assoziiert mit einem ganz anderen Schriftsteller Schmidt, als demjenigen, der er zur Zeit der Abfassung war - gekauft. Später folgte nochmals ein Paperback-Nachdruck; mit insgesamt über 12.000 Exemplaren ist das für ein umfangreiches und nicht leicht zu lesendes Buch eine durchaus erstaunliche Verkaufszahl; die Wiederveröffentlichung in der Bargfelder Ausgabe ist dabei noch nicht berücksichtigt.

Das 1952 abgeschlossene Typoskript wurde von Schmidt bereits 1955 - nicht zuletzt aus den Erfahrungen des 2. Weltkrieges heraus - zusammen mit einer umfangreichen Sammlung von Dokumenten und Manuskripten für 1000.- DM an das Literaturarchiv in Marbach verkauft.15) Es mag sein, dass neben dem eben angedeuteten Motiv Schmidts Geldbedarf eine Rolle spielte. Einen Gedanken von oben aufgreifend, ist der Verkauf aber auch als symbolische Geste deutbar, dass sich Schmidt mit dem Trennen von Biographie und Material auch einer nun endgültig abgeschlossenen Lebensaufgaben entledigte, die eine endgültige Befreiung zu einem ganz anderen Schriftstellerdasein ermöglichte.

Wie eng und innig Schmidt Zeit seines Lebens aber trotzdem mit dem Fouqué verbunden geblieben ist, wird aus einem Gespräch mit Klaus T. Hoffmann am 17.10.1977, zwei Jahre vor seinem Tod, deutlich. Schmidt äußerte nämlich noch einmal den Wunsch, seine Biographie zu überarbeiten - ein Werk, das nach seiner Schätzung doppelt so dick wie das heute vorliegende geworden wäre.16)

1) Albrecht (1998), S. 50.
2) Der Titel ist einerseits eine Hommage an Wielands "Aristipp und einige seiner Zeitgenossen", deutet aber schon an, dass Schmidt versucht, nicht nur Fouqué, sondern möglichst alle Personen, die mit diesem in Verbindung standen, nachzuspüren. Die Unterteilung in Paragraphen statt in Kapiteln dürfte sich an Jean Pauls "Levana" anlehnen. Sie dazu Ahrendt (1995), S. 221.
3) Körber (1998), S. 88. Nach Körber hätte Schmidt allenfalls die Ziesemer-Ausgabe zur Hand haben dürfen, in der allerdings weder der Alwin noch der Alethes enthalten sind.
4) BA III/3, S. 423.
5) nach Martynkewicz (31997), S. 44, ging im Gegensatz zu vielen Büchern, die in kleinen Päckchen von der Mutter aus Quedlinburg in den Westen geschickt wurden, ein Wehrmachtskoffer verloren, der einer Familie als Flüchtlingsgepäck mitgegeben worden war.
6) Stiftel (1996), S. 129.
7) Rauschenbach (1993), S. 723.
8) BA III/3, S. 425.
9) Nach Ahrendt (1995), S. 200-203.
10) Albrecht (1998), S. 51.
11) Siehe hierzu: Rauschenbach (1993), S. 723-724.
12) Stiftel (1996), S. 130 gibt als Erscheinungsjahr der 2. Auflage 1960 an.
13) Stiftel (1996), S. 129; 132-135; Zitat S. 133.
14) Stiftel (1996), S. 137.
15) Ahrendt (1995), S. 223-224.
16) Hofmann (1983), S. 11.

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© Stephan Reuthner, Pappenheim 1999

Mittwoch, 28.07.1999