Teils auf psychoanalytische Theorien zurückgreifend sind Martynkewicz schon die Bescheidenheitstopoi, mit denen Schmidt seine Biographie einleitet, verdächtig. So habe der „apodiktische Gestus“7), mit dem der Leser durch das bis zur reinen Faktenaufzählung ausgeschüttete Detailwissen geradezu erdrückt werde, vor allem das Ziel, Selbstzweifel Schmidts bezüglich Fouqués literarischer Bedeutung und vor allem seiner reaktionären Grundhaltung auszuräumen.8) Diesen Gedanken überträgt Schuch auf Schmidts Selbsteinschätzung als Literat, wenn er ausführt, dass die Beschäftigung mit Fouqué aus dessen eigener Unsicherheit und Orientierungslosigkeit entspringe, die er über ein Klammern an zweit- und drittrangige Literaten zu kompensieren versuche und sich selbst damit, quasi als Nebeneffekt, in eine Werktradition einordnen könne.9) Gerade durch die Biographie Fouqués habe Schmidt das "entgangene Studium" und die "geraubten Jahre der Kriegszeit" kompensieren und mit hohem Arbeitsaufwand seine Leistungsmöglichkeiten in einer "´wissenschaftlichen` Biographie" nachweisen wollen - auf einem Forschungsfeld, in dem ihm niemand habe zuvorkommen können.10) Die tragische Figur des Zuspätgekommenen wird für Martynkewicz daher im Sinne einer Wahlverwandtschaft zum „Typus-Fouqué“, in dem Schmidt sich spiegeln und sein eigenes Schicksal präfiguriert sehen kann - nicht zuletzt ein zentraler Beweggrund für Schmidts Selbstinszenierung als Fossil, als Unzeitgemäßer, Erfolgloser, als um das Überleben Kämpfender. Hintergrund dafür sei das bei Fouqué wie bei Schmidt nachweisbare und auf die frühe Kindheit zurückgehende Gefühl von Verlassensein und Einsamkeit. Als Grundmetapher in beider Werk tauche immer wieder das Dämonische in der Welt auf, gegenüber dem man sich in einem steten Überlebenskampf behaupten muss.11)
Der nach wie vor einzige Ansatz, der die Fouqué-Biographie als Text ins Zentrum zu rücken versucht, ist die Analyse von Heiko Postma. Er sieht im "Fouqué" nicht zuletzt ein Musterbeispiel einer soliden Schriftstellerbiographie verwirklicht, wie sie Schmidt "in den Romanen und Funkarbeiten immer wieder gefordert und projiziert hatte.“16) Postma stellt in Schmidts Werk allerdings eine Abspaltung der gesellschaftlichen Dimension Fouqués, die zwar permanent in seinem Aristokratendasein präsent sei, vom Dichter Fouqué fest; und Schmidt übersehe - aus der Perspektive Fouqués - den Aktualitätsanspruch, den von Fouqué ausdrücklich intendierten Gegenwartsbezug.17) Entsprechend misslinge auch die Verknüpfung der zeitgeschichtlichen mit den biographischen Aspekten, weil sich Schmidt mit den plakativ und unvermittelt zur Schau getragenen politischen Intentionen Fouqués schwer getan habe.
Alle bislang vorgestellten Konzepte sind Erklärungsbausteine, die meist mit guter Kenntnis aus dem Werk Schmidt zu belegen versucht werden. Allerdings fehlt allen Modellen letztlich ein übergreifender Ansatz, der vor allem auch die Fouqué-Biographie Schmidts und das Werk Fouqués in Zusammenschau mit dem Werk Schmidts in dessen einzelnen Werkphasen zum analytischen Ausgangspunkt hat. Die Fouqué-Biographie gewinnt als Textkorpus kaum an Eigengewicht; eine hermeneutische Werkanalyse fehlt letztlich in Gänze.
1) Schuch (1993), S. 61.
2) Methodisch analysiert White vor allem auch das Fouqué-Bild, das in Arno Schmidts literarischen Arbeiten zum Ausdruck kommt, um so die Bedeutung Fouqués für dessen literarisches Schaffen zu verdeutlichen. Allerdings bleibt er dabei in ersten einzelnen Beobachtungen stecken.
Der Bewahrung von Literatur kommt nach White sogar eine politische Dimension in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu: „remembering writers is a form of resistance to a society that irrationally refuses to learn from its documented past." (White (1986), S. 91).
3) White (1986), S. 102.
4) Martynkewicz (1989), S. 215, betont, „daß Fouqué ... ohne Rücksicht auf ein Publikum und unangetastet von den wechselnden Zeitläufen, immer weiter schreibt. Das macht ihn zum Anachronisten! Und genau diese Haltung ist es, die Schmidts ungeteilte Anerkennung findet. Anders gesagt: alleine die Tatsache, daß Fouqué im Alter, als Herrscher und Gefangener einer imaginären Welt, unbeachtet von jeglicher Anerkennung einfach seine Arbeit fortsetzt, nötigt Schmidt Respekt und Bewunderung ab, dadurch wird er zum Vorbild.“
5) Schuch (1993), S. 39: „Schmidt hangelt sich entlang dieser Pfähle durchs Leben auf der Suche nach Identität.“ Dies geht an manchen Stellen in eine Wortmystik über, so dass Schmidt ein in Bargfeld zugekauftes Grundstück mit dem Begriff „Schauerfeld“ bezeichnet, der auf Lebenserfahrungen Fouqués verweist.
6) Schuch (1993), S. 47-55.
7) Martynkewicz (1989), S. 206. Martynkewicz verweist auch auf einen deutlichen Wandel des Blicks Schmidts auf Fouqué. Danach habe sich das ursprünglich vertrauensvolle Verhältnis, das sich der Wahrheit von Daten und Fakten verschworen habe, durch Schmidts Beschäftigung mit der Psychoanalyse zu einem „entfesselten“ Blick verwandelt, „der jeden Glauben daran verloren hat, daß mit induktiver Akribie, aus Urkunden und Briefen, aus Daten und Fakten, ein Leben zu verstehen wäre, indem man es wie ein Puzzle zusammensetzt.“ (Martynkewicz (1989), S. 205-206).
8) Der Fokussierungsvorgang ziehe folgenden Effekt nach sich: „Geht man ganz nah an die Dinge heran, wie es Schmidt tut, dann gewinnen sie aus sich selbst heraus einen eigentümlichen Reiz, sie erscheinen in ihrer Einzelheit als ästhetisiertes Artefakt, das selbst da, wo es eigentlich Erschrecken erregen müßte, zur Sanftheit verleitet“ (Martynkewicz (1989), S. 208). Durch die Trennung von Dichter und Adeligem blende Schmidt gerade das aus, „was den Entwurf Fouqués in allen Einzelheiten bestimmt hat, nämlich dieser Zusammenhang, dieses Austauschverhältnis von Degen und Feder.“ (Martynkewicz (1989), S. 211) Siehe dazu unten auch Postma!
9) Schuch (1993), S. 40; S. 55.
10) Schuch (1993), S. 59.
11) Martynkewicz (1989), S. 217; 221. Die äußere existentielle Gefährung wandele sich dann in den 60-er Jahren in eine innere (Furcht vor dem Alter, vor vorzeitigem körperlichen Verfall und Tod).
12) Schuch (1993), S. 54, weist darauf hin, dass Schmidt diesen Prozess für sich selbst und sein eigenes Schreiben in gleicher Weise vollzog: "Die Welt existiert für Schmidt im Laufe der Jahre zunehmend nur in Büchern und im Fernsehen, eine Realitätsferne und Erlebnisarmut, die sich negativ auf die Handlungsstränge seiner Bücher auswirkt und die reine Sprache dominant in den Vordergrund treten lässt."
13) White (1986), S. 89.
14) White (1986), S. 94.
15) Martynkewicz (1989), S. 223
16) Postma (1982), S. 135. Methodisch kontrastiert Postma die Fouqué-Biographie Schmidts mit dem Fouqué, wie er selbst ihn anhand von dessen Werk sieht.
17) Postma (1982), S. 141: "Der Autor bringt ein großes (...) Gesamtwerk hervor, und der Baron verharrt als unvernünftiger, leichtgläubiger Naiver, der die neue politische Tendenz seiner Zeit nicht wahrnimmt, nicht durchschauen will." Und Weiter unten formuliert Postma (S. 146): "Deshalb wird auch die wesentliche Frage nicht diskutiert, weshalb Fouqué in einer Situation äußerster Gefährdung der europäischen Aristokratie gerade auf Elemente höfischer Dichtung zurückgreift, die ja einmal - und auch dieser Gedanke fehlt bei Schmidt - gültiger kultureller Ausdruck ihrer Gesellschaft war." Auch werde bei Schmidt nicht die "elementare Adaption von Denk- und Gestaltungsstrukturen höfischer Literatur thematisch" (S. 149), wie sie etwa in der Fouquéschen Aventiurenwelt zum Ausdruck kommt.Zurück zum Seitenanfang!
Zurück zur Leitseite "Literaturbericht"!
Zurück zur Hauptseite über Caroline und Friedrich de la Motte Fouqué!
Mittwoch, 28.07.1999
![]()
© Stephan Reuthner, Pappenheim 1999