Literaturbericht: Arno Schmidts "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen"

4. Die Fouqué-Biographie Schmidts im Spiegel der Forschung (2)

Eine kritische literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung, die die biographische Tradition, in der der "Fouqué" steht, beschreibt und die tendenziösen Wertungen Arno Schmidts vor allem gegenüber Caroline de la Motte Fouqué entlarvt, beginnt erst in den letzten Jahren einzusetzen. Verwiesen werden kann auf zwei Beiträge anlässlich des wissenschaftlichen Colloquiums der Fouqué-Gesellschaft  zum 220. Geburtstag Fouqués im Jahre 1997.

Michael Schmidt 1) stellt in seinem Vortrag einleitend den interessanten Aspekt heraus, dass der Romantiker Fouqué gegenwärtig wegen der Biographie Arno Schmidts eher als fiktiv-literarische Gestalt wahrgenommen werde, was nicht zuletzt an Fouqués Selbststilisierung in seinem Werk liege. Die Biographie an sich werde in "der Form der positivistischen, jedes eruierte lebensgeschichtliche Detail in die eigene Darstellung integrierende Großbiographie" gehalten, wie sie eher für das 19. Jahrhundert als für die deutsche Nachkriegszeit charakteristisch ist, besonders auch wegen der "zahlreichen unkritischen Bezugnahmen auf kulturhistorische Positionen des Historismus." In seinem an Gustav Freytag geschulten adelskritischen und bürgerverherrlichenden Blick bleibe Schmidt in den "hilflos-antifeudalen Vorurteilen der liberalen bürgerlichen Kulturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts"2) verhaftet - erste Hinweise auf eine mögliche Positionierung der Biographie Schmidts in der biographischen Tradition, die noch viel deutlicher akzentuiert und mit der Biographik in der Nachkriegszeit verknüpft werden kann.

Sehr tendenziös, so Michael Schmidt in der Analyse eines weiteren Aspektes der Biographie, sei, dass Schmidts Frau Caroline "mit ebenso puritanischer wie äußerst humorloser Sittenstrenge" sexuelle Freizügigkeit unterstellt wird - sie wird stilisiert zur "großen Hure von Nennhausen"3) und dabei zu unreflektiert die literarische Gestaltung der verführerischen Frau im Werk Fouqués als Beleg herangezogen.

Petra Kabus geht noch einen Schritt weiter, wenn sie verdeutlicht, dass Schmidts Biographie geradezu verantwortlich dafür ist, dass Caroline de la Motte Fouqué bislang nicht wiederentdeckt wurde. 4) Fundiert gelingt es ihr nachzuweisen, dass Schmidt den Einfluss Fouqués auf das Werk seiner Frau deutlich überschätzt und er zugleich übersehen hat, dass Fouqués literarischer Niedergang weit vor dem seiner Frau eingesetzte. Diffamierung und Abwertung Carolines5) seien historisch ebenso substanzlos wie die von Schmidt anklagend vorgetragene dürftige materielle Abfindung Fouqués nach dem Tod seiner Frau.6)

Die beiden letzten Analysen beleuchten zwar nur schlaglichtartig Einzelaspekte des "Fouqué", deutlich wird aber auch der notwendig kritisch-analytischen und distanzierte Ansatz im Umgang mit der Fouqué-Biographie, wenn Schmidts Stilisierungen und Pointierungen entlarvt und auf ihren funktionalen oder wirkungsästhetischen Wert hinterfragt werden sollen.

Über solche Einzelansätze hinaus ist die bislang umfassendste Untersuchung zum Fouqué-Komplex unter dem Titel "Arno Schmidts Romantik-Rezeption" von Thomas Körber abgefasst worden.7) Besonders die "Juvenilia" Arno Schmidts sieht er dem romantischen Verfahren der Wirklichkeitsverzauberung unterworfen, mit der (unbewussten) Absicht Schmidts, aus bedrängten Lebensverhältnissen, der eintönigen Arbeitswelt und den Erfahrungen während der Kriegsjahre des Nationalsozialismus zu fliehen und das Leben durch einen Einbruch des Wunderbaren erträglich zu machen. Besonders der Lektüre Fouqués scheint dabei die Funktion eines Initiationserlebnisses zugekommen zu sein. In späteren literarischen Phasen wird er dann im Sinne einer "produktiven Nutzbarmachung von literarischen Vorbildern"8) verwertet; Schmidts Lese- und Schreibprozess verflechten sich immer mehr hin zu einer Metaliteratur, die vom Leser ein Vorverständnis und ein Weiterlesen verlangt. Nicht zuletzt deshalb, darauf weist Körber hin, ohne allerdings ein theoretisches Fundament breiter auszuarbeiten oder die handwerkliche Vorgehensweise diesbezüglich transparenter zu machen, kann das Konzept der Intertextualität bei der Untersuchung der Literatur Arno Schmidts besonders hilfreich sein.

Als zentrale Frage durchzieht das Werk Schmidts nach Körber, in welchem Verhältnis in seiner Literatur die Phantasie - darunter zu verstehen die produktive Einbildungskraft, Gedankenspiele, der Einbruch des Wunderbaren in die Realität und die Verzauberung der Welt - zur Wirklichkeit - das empirische Weltverhältnisse, die Realität, der Alltag - steht. Ist in den "Juvenilia" die Macht der Phantasie, vor allem durch Fouqué vertreten, vorherrschend, findet in der Werkphase zwischen 1946 und 1958 eine Hinwendung zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Phantasie und Realtität, zu einem Phantastischen Realismus, wie es Körber nennt und worunter er eine genaue Beschreibung der Alltagsrealität, ein Vermeiden hoher Persönlichkeiten sowie eine Aufmerksamkeit für die "kleinen" Leute unter phasenweisem Hereinbrechen des Wunderbaren versteht, statt. Allerdings, und hier dürfte ein Hauptkritikpunkt an der äußerst kenntnisreichen und detaillierten Monographie liegen, ist gerade dies der Zeitraum, in dem Fouqué im Werk Schmidts die größte Bedeutung zukommt, in dem er die Bedeutung für sich und sein Werk am umfassendsten aufarbeitet und nutzt. Körbers kann seine These  gut am Beispiel Tiecks oder ETA Hoffmanns belegen, Fouqué, dem vom Umfang der Analyse her innerhalb dieses Teils der Dissertation ein zentraler Stellenwert beigemessen wird, passt sich in das vorgegebenen Raster so nicht ein. Gleichzeitig werden die in Fouqués eigenem Werk dicht geknüpft zu findenden biographischen Bezüge nicht aufgegriffen.

Die Zentralstellung Fouqués in den 50-er Jahren wird nicht nur durch den vorläufigen Abschluss der Fouqué-Biographie im Jahr 1952 deutlich, sondern besonders durch die fast durchgängige Präsenz Fouqués im literarischen Werk Schmidts, angefangen von teilweisen Motivparallelen und Übernahmen von Personenkonstellationen über Zitate aus Fouqués Werk hin zu der Verwendung von Personen- sowie Landschaftsnamen und Werktiteln Fouqués für das eigene Werk. Akribisch an vielen Beispielen belegt, versucht Körber dies aufzuarbeiten, allerdings knüft er die Ergebnisse zu wenig zusammen, er bündelt zu wenig, zu welchem sich verselbständigenden Symbol Fouqué wird, mit dessen alleiniger Benennung schon Motiv- und Bilderwelten transportiert werden, die in interpretativem Zusammenhang zum literarischen Schaffen Schmidts stehen und vom Leser als intertextuelle Konvention mit entschlüsselt werden müssen.

Körber definiert die Grenzen seiner Arbeit klar: "Der Poetologe Schmidt und sein Selbstverständnis als Biograph des Romantikers Fouqué stehen dabei nicht im Zentrum"9); damit wird letztlich ein Schlüsseltext nur beiläufig mitbehandelt - er konstatiert etwa eine Gespaltenheit zwischen "Juvenilia-Autor" und Hinwendung zum Realisten in Form der eingeschobenen Biographien über Massenbach, Hülsen und Wildenhayn -, der für die Arbeitsweise bei den literarischen Nachtprogrammen der 50-er Jahre, für den intertextuellen Stil Schmidts, für das Fouqué-Verständnis an sich als Schlüsseltext sowie als literarisches Hauptwerk Schmidts zu werten ist. Der von Rudi Schweikert vorgetragenen Anregung, "das Großthema ´Fouqué in Schmidts Gesamtwerk` endlich umfassend anzugehen"10) will und kann Körber damit nicht gerecht werden, weil die Fouqué-Biographie als eigenständiger literarischer Textkorpus in ihrem Gehalt nicht ausgewertet wird.

Der Lektürekanon Schmidts wandelt sich erst ab 1956 in der Konfrontation mit Joyce und ab 1959 mit Freud. Es beginnt, wie Körber deutlich macht, eine Entzauberung der alten literarischen Referenzen über die Entymtheorie Schmidts, eine weitere Aufwertung der Realität und eine Hinwendung zur Sexualität aus sprachanalytisch-entlarvender Perspektive, die ihren größten Ausdruck in "Zettel´s Traum" - geschaffen in einem ähnlichen Gewaltakt wie der "Fouqué"- findet. Erst im Spätwerk Schmidts werden wieder romantische Motive und Personenkonstellationen aufgegriffen und die Phantasie in ihrer umfassenden Macht wiedereingesetzt.

1) Schmidt (1998), S. 46-71, hat zwar einen umfangreichen Artikel zu der Tagung abgeliefert, doch stellt er keinen homogenen Beitrag zu der Biographie Schmidts dar. Kritischen Anmerkungen zu der Darstellung Carolines im „Fouqué“ folgen Beobachtungen zu der Beziehung Fouqués zu anderen Romantikern und seinem Mäzenatentum, zu rezeptionsgeschichtlichen Problemstellungen (Abwendung der Leser und oder literarischer Freunde wie etwa Eichendorffs) unter dem Leitbegriff des Partisanentums bis hin zu einer abschließenden Würdigung des Romantikers als wertkonservativen Dandy.
2) Schmidt (1998), S. 49.
3) Schmidt (1998), S. 50.
4) Kabus (1998), S. 72-84. Die fundierte Rehabilitierung der Fouqué verläuft sich an einzelnen Stellen - etwa bei der Würdigung der Beziehung Carolines zu Goethe, S. 79-80 - leideS. 73.r in dem gleichen, auch von Schmidt praktizierten Verfahren, durch eine Überzeichnung der Bedeutung Bedeutung erst herzustellen zu versuchen.
5) So fließen beiläufig Bemerkungen über Carolines Ehrgeiz, ihre beschränkten Söhne und lockere Moralauffassung - das dritte Kind in erster Ehe sei Folge einer Wette ihres Mannes mit einem Militärkameraden, zudem  habe sie eine Liaison mit dem während der Befreiungskriege in Nennhausen einquartierten Fürsten Czernitscheff gehabt. "Letztlich ist es freilich müßig, darüber zu spekulieren, ob und mit wem die Fouqués einander in der zweifelsohne nicht übermäßig glücklichen und harmonischen Ehe betrogen haben. Interessant ist jedoch die unterschiedliche moralische Bewertung [...]" (Kabus (1998), S. 81).
6) Klar widerlegt wird von Kabus die bei Schmidt ausgebreitete Behauptung, Fouqué sei von Caroline mit einem Taschengeld abgespeist worden. Nicht nur, dass die finanziellen Verhältnisse der Briests nicht so üppig, wie von Schmidt behauptet, waren, auch die Regelungen im Testament betreffen nur Fouqués weiteren Aufenthalt und seine Versorgung - Diener und Pferd. Vererben habe sie ihrem Mann nichts können, da nach Briests Tod das Erbe nicht an sie, sondern direkt an ihren Sohn Theodor übergegangen sei. Noch 1838, also lange nach Fouqués dritter Heirat und seinem Auszug aus Nennhausen, bezieht der Romantiker aus Carolines Erbe jährlich 280 Taler. Zusammenfassend kommt Kabus zu dem Urteil: „Den zeitgenössischen Rezensenten und Schmidt ist eines gemeinsam: sie vermengen die Geschlechtszugehörigkeit der Autorin und ihre Vorstellungen von Geschlecherrollen mit der Bewertung des Werkes. Während die Zeitgenossen die Frage nach dem einer Frau Angemessenen des Schreibens stellten, rückt Schmidt die Angemessenheit ihres Verhaltens in den Mittelpunkt." (Kabus (1998), S. 84).
7) Thomas Körber: Arno Schmidts Romantik-Rezeption. Heidelberg 1998 (Winter)
8) Körber (1998), S. 3.
9) Körber (1998), S. 5. Interpretationsansätze zur Biographie finden sich auf den Seiten 88-103.
10) Schweikert (1991),  S. 9.

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© Stephan Reuthner, Pappenheim 1999

Mittwoch, 28.07.1999