Literaturbericht: Arno Schmidts "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen"
5. Kriterien für eine Analyse des "Fouqué"
Die bisherigen Untersuchungsergebnisse zusammenfassend, scheint mir der zentrale Ausgangspunkt bei der Analyse des "Fouqué" zu sein, die literarische Biographie endlich als eigenständigen Textkorpus ernstzunehmen und ihn in einem umfassenden und übergreifenden Ansatz in einem hermeneutischen Verfahren nach seinem Gehalt zu interpretieren. In einem ersten Schritt können die verschiedenen Werkschichten (Typoskript von 1952, 1. Auflage von 1958, 2. Auflage von 1959) verglichen, die Entwicklungsgenese herausgearbeitet und inhaltliche und sprachliche Veränderungen auf ihre Bedeutung für eine möglich Veränderung des Konzeptes der Biographie hin ausgedeutet werden.In einem zweiten Schritt ist dann, theoretische Äußerungen Schmidts über Literaturgeschichte und Charakter des biographischen Schreibens sowie Schmidts poetisches Selbstverständnis mit einbeziehend, dem strukturellen Aufbau der Biographie nachzugehen und die Arbeitsweise Schmidts näher zu beschreiben (Verhältnis zur literarwissenschaftlichen Tradition? Ekklektizismus? ausformulierter Zettelkasten? Bedeutung der Materialbeigaben?). Als weitere Analysekriterien bieten sich die Art des Einbezuges des historischen und soziologischen Hintergrundes (Geschichtsbild), der Umgang mit Quellenmaterial (Bedeutung der autobiographischen Schriften und Briefe Fouqués), die Art der Personencharakterisierungen, Autorenkommentare und besonders die Aufbereitung und Interpretation des Werkes von Fouqué, also die Formen literarischer Bewertung, an. Dabei kann die Frage aufgeworfen werden, inwiefern sich innerhalb der Werkes Veränderungen und Entwicklungen geben. Aus Aufbau, Inhalt und Art der Abfassung der Biographie können zudem wirkungsästhetische Auffälligkeiten bezüglich des Lesers (Initialisierung eines weiterführenden Leseprozesses? Veränderung literarischer Urteile?) abgeleitet werden. Daraus ergibt sich eine Verortung des "Fouqué" innerhalb der Tradition literarischer Biographien und innerhalb der literarischen Biographik der Nachkriegszeit.
Erst vor diesem Hintergrund wird es dann möglich sein, die Bedeutung des "Fouqué" in Bezug auf die Werkgeschichte Schmidts neu festzulegen. Schon angedeutete Aspekte sind die Folgewirkung der biographischen Arbeitsweise auf die literarischen Nachtprogramme der 50-er Jahre oder vielleicht sogar für das gesamte literarische Schaffen der "Juvenilia" wie des Werkes in dem guten Jahrzehnt von 1946 bis 1958. Die theoretische Fundierung der Vorgehensweise der Arbeit beruht dann vor allem auf dem Verfahren der Intertextualität, das auf die Arbeitsweise Schmidts in der Fouqué-Biographie zurückbezogen werden kann. Dies meint nicht nur, inwiefern Lese- und Schreibprozess miteinander verschmelzen, sondern besonders auch, wie dem "Fouqué" eine Systematik von Selbstzitation und Werkauswertung folgt, die zu einer immer stärkeren symbolischen Aufladung von Motiven, Benennungen und Andeutungen führt (Werktitel, Personenkonstellationen, Zitate, Personennamen, Landschaftsbezeichnungen). Dies würde die Positionsbestimmung, inwiefern Schmidts Biographie der Katalysator für das Schaffen der 50-er Jahre geworden ist, noch übersteigen und den für den Autor eigentlichen, schon alleine mit seinem Namen verknüpften tieferen Wert transparenter machen.
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Mittwoch, 28.07.1999
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© Stephan Reuthner, Pappenheim 1999