Arno Schmidt und die Bücher - betrachtet aus der Perspektive einer gestrichenen Textstelle der Fouqué-Biographie
1. Die beiden in Marbach archivierten Typoskripte des "Fouqué"
Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sind zwei Typoskripte der Fouqué-Biographie zugänglich, eines befindet sich im Teilnachlass Fouqué, der unter Arno Schmidt katalogisiert ist, das andere im Nachlass von Alfred Andersch. Beide sind weitgehend identisch, d.h. beide spiegeln den gleichen Stand der Biographie, wie er Mitte der 50-er Jahre vorlag, als Arno Schmidt an Marbach seine Fouqué-Sammlung verkaufte.
1.1. Das Marbacher Typoskript
Von Schmidt an Marbach in einer dünnen Kartonschachtel übergeben, wird es bis heute in dieser Form aufbewahrt. Auf der ersten Seite ist neben dem Titel der Biographie das Entstehungsjahr 1952 vermerkt. Das dünne, teils weiße und teils grüne Durchschlagpapier ist vergilbt und beginnt brüchig zu werden. Ergänzt ist das Typoskript zum einen durch aufgeklebte Papierstreifen, die als Korrekturen oder zumeist als Nachträge den Basistext ergänzen. Der Text ist weiter korrigiert, verändert und ausgeweitet durch handschriftliche Notizen mit schwarzem Kugelschreiber, blauem - teils verfließendem - Stift sowie Bleistift. Anmerkungsziffern, die auf einen nachträglich nach Abschluss des Typoskripts ausgearbeiteten Anhang hinweisen, sind groß mit rotem Buntstift eingetragen.Nach der Titelseite mit dem Entstehungsjahr 1952 (Seite 1) ist auf der zweiten Seite ein Inhaltsverzeichnis zu finden, aus dem deutlich wird, dass die einzelnen Bücher und die Paragraphen, die sie unterteilen, von Schmidt von Anfang an so, wie sie heute vorliegen, konzipiert wurden. Neben einem "Vorwort" waren zudem "Anmerkungen" und ein "Register" vorgesehen. Auf neuerem Durchschlagpapier - wohl eingelegt 1955 - ist vor Beginn des ersten Buches auf einer weiteren Seite vermerkt: "Seiten 3 u. 4", "Vorwort (noch zu schreiben)" sowie "Seiten 664 ff." "Register (noch anzulegen"). Schmidt hatte sich ein einleitendes Vorwort und den texterschließenden Register offenbar für den Fall einer Drucklegung vorbehalten und zwischen 1952 und 1955 an diesen aus seiner Sicht wohl eher redaktionellen Teilen des "Fouqué" nicht weitergearbeitet.
1.2. Das Andersch-Typoskript
Während das Marbacher Typoskript in dem Karton als schwer handhabbarer Papierstoß dünner Durchschlagseiten vorliegt und lediglich die Blätter mit den Anmerkungen des Anhangs in ein Papier eingeschlagen sind - Teil einer Blaupause eines Architekten, die den Querschnitt durch ein Haus zeigt -, ist das Andersch-Typoskript von Schmidt zur Nutzung durch etwaige Leser vorbereitet. In stabileren Karton eingeschlagen - "zum Saubermachen Henkelsachen!" - liegt eine getippte Gebrauchsanweisung bei, die dem Leser genau eine vorsichtige und sorgfältige Handhabung vorschreibt:"Zur Fouqué-Biographie - Hinweise für den Leser:Das Typoskript mit Seiten aus rotem Durchschlagpapier wurde so mitnichten auf eine Archivierung vorbereitet, sondern zur Weitergabe durch Andersch an Interessierte oder gar an Verleger - erinnert sei an dessen Vermittlerfunktion in vielen Bereichen. Der gute Zustand verweist jedoch darauf, dass dies nicht allzu häufig geschehen sein dürfte.
1.) Bitte mit dem MS besonders sorgfältig umgehen, da dünnes Durchschlagpapier! Auf vielen Seiten sind zusätzlich Streifen aufgeklebt, zum Teil nur an einem Ende, wodurch die Empfindlichkeit der Bogen noch erhöht wird. Bitte nur in einzelnen Mäppchen herausnehmen, und nach beendigter Lektüre immer wieder in Mappe und Karton zurücklegen.
2.) Zur besseren Lesbarmachung des Textes wird empfohlen, ein weisses Papier unter die Seite zu legen, um das störende Durchscheinen der nächsten auszuschalten.
3.) Die im Text erscheinenden roten Zahlen beziehen sich auf die Anmerkungen, die am Schluss des Werkes in einem besonderen Mäppchen beiliegen.- In den dort vielfach erscheinenden genealogischen Tabellen bedeutet das Zeichen "&" stets "geboren" (da auf der Normaltastatur der korrekterweise zu verwendende Asteriskus nicht vorhanden war).-Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
(Arno Schmidt)"
Während Korrekturen und Ergänzungen, vergleicht man sie mit dem Marbacher Typoskript, weitgehend identisch sind, fehlt auf der Titelseite die Jahresangabe. Die Anmerkung "Register" folgt auf den "Inhalt" mit blauer Farbe. Gleichfalls nicht eingelegt ist ein Blatt mit dem Verweis auf das fehlende Vorwort und die Anmerkungen sowie den Register.
Die von Schmidt so genannten Mappen, die einzelne Bücher des "Fouqué" also, wurden von ihm selbst in dünne Abschnitte aus Packpapier eingeschlagen, in deutscher Schrift als "Buch" gekennzeichnet sowie mit einem Kürzel unterschrieben - auch hier also der Versuch, eine autorisierte Nutzung durch mehrere Leser vorzubereiten.
1.3. Vergleich des Andersch-Typoskripts mit der Bargfelder Ausgabe
Zum Vergleich mit der Bargfelder Ausgabe des "Fouqué" wurde das besser handhabbare Andersch-Typoskript herangezogen.Folgt man den Angaben Rauschenbachs (S. 723-724), so liegt mit den beiden Typoskripten die zwischen dem 04. März und 19. Mai von Alice Schmidt angefertigte Reinschrift vor. Sie wurde von Arno Schmidt im Anschluss korrigiert, im Text erkennbar durch den schwarzen Kugelschreiber, mit dem zudem die Akzente, die mit der Schreibmaschine nicht getippt werden konnten, ergänzt wurden. Die Korrekturen halten sich in einem äußerst begrenzten Rahmen, oft geht es nur darum, sprachliche Wiederholungen auszumerzen, einzelne treffendere Begriffe zu setzen oder klarere Bezüge (statt Personalpronomina Namen oder umgekehrt) herzustellen. Einzelne Schreibweisen werden vereinheitlicht. Immer wieder setzt Schmidt, die Emphase des Ausdrucks steigernd, statt Punkten Ausrufezeichen, oder er fügt Gedankenstriche hinzu. Im Druck - bezogen auf die Bargfelder Ausgabe - werden gerade auch orthographische Besonderheiten gewissenhaft umgesetzt, etwa fünf Punkte statt drei als Ausdruck eines Schweifenlassens von Gedanken.
Die Ergänzungen im Sommer 1953 sind hingegen ein schon weitergehender Eingriff in den Textkorpus. Allerdings geschieht dies nicht in Form eines Umarbeitens, sondern in Form von aufgeklebten Einschüben, die Ergebnisse weiterer Nachforschungen und Präzisierungen darstellen. Wie bei einem Mosaik werden neue Wissenssplitter dem schon klar konturierten Gesamtbild hinzugefügt. Die Gestalt ändert sich dadurch nicht, allenfalls werden einzelne Bildteile durch eine Art Belegsystem schärfer sichtbar, denn meist handelt es sich um Zitate - nicht um längere, neu formulierte Passagen Schmidts -, die aufgestellte Behauptungen treffender belegen oder einfach den präsentierten Materialfundus erweitern sollen. In diese Zeit dürften zudem die Korrekturen und Ergänzungen durch Blaustift gehören sowie einzelne größere Streichungen. Erkennbar wird in jedem Fall, dass sich Schmidt in den eineinhalb Jahren seit der ersten Niederschrift weiter intensiv mit der Biographie beschäftigte, ihr weiter zuarbeitete.
Die dritte Schicht schließlich besteht aus im Schriftbild oft sehr kleinen und zarten Ergänzungen und Korrekturen mit dünnem Bleistift in deutscher Schrift, wahrscheinlich zuordenbar auf den Mai 1955. Besonders im Bereich von Lebensdaten und Genealogien sind reichhaltige Zusatzangaben zu finden, die das teils noch ungenaue biographische und genealogische Netz verdichten.
Als vierte Schicht können Schmidts Ausarbeitungen zur ersten Druckfassung angesehen werden. Jetzt erst wird das Vorwort geschrieben, der Anhang wird ebenso konzipiert wie die Register der Werke Fouqués oder der Personen, Sachen und Orte. Damit soll die Biographie endgültig zu einer Monographie mit Handbuchcharakter gewandelt werden, die nicht nur eine fachlich interessierte Leserschaft ansprechen, sondern, so auch der Anspruch im Vorwort, Grundlage für weitere Forschungen sein soll.
Eine fünfte Schicht kann schließlich in den Veränderungen der ersten Druckfassung zur zweiten gesehen werden. Auch hier herrscht das Grundprinzip der Vermehrung vor - weitere, teils mehrseitige "Zusätze und Anmerkungen" im Anhang, die in der Bargfelder Ausgabe nun als Sternchen-Anmerkungen in den Text vorgezogen worden sind, und lange Textproben aus dem Werk Fouqués und ein Abschnitt über Welck (Rauschenbach (1993), S .724). Logischerweise gibt es darauf im Typoskript von 1955 keine Hinweise.
Mindestens bis 1952 nimmt der "Fouqué" den Hauptarbeits- und -zeitaufwand Schmidts in Anspruch - so eine erste Bilanz-, die zeitaufwendigen Recherchen reißen danach aber nicht ab, sondern werden in einzelnen konzentrierten Arbeitsphasen weitergeführt. Allerdings wird die Biographie selbst zweitrangig, nicht eine Umgestaltung oder Ergänzung des Typoskripts steht im Mittelpunkt, sondern der Versuch, für einen Druck zu sorgen, in dem neue Materialien in einem additiven Verfahren mit aufgenommen werden.
1952, das wird damit aus den Typoskripten deutlich, hat sich Schmidt des "Fouqués" entledigt. So seitenstark die Materialergänzungen erscheinen mögen, es sind fast ausschließlich Buch- und Briefauszüge oder Zitate. Die Biographie bläht sich immer stärker zu einem gedruckten Archiv auf, während der zentrale Textkorpus weitgehend unverändert bleibt. Bezogen auf die Konzeption der Biographie und der Behandlung und Bewertung Fouqués wie seiner Zeitgenossen haben die Materialbeigaben keinen Einfluss mehr.
2. Schmidts Ausführungen zur Normalseite und ihre Bedeutung für seine Sicht von Literatur
Vergleicht man die Typoskripte mit der Bargfelder Ausgabe, so sind vier längere Textstellen zu finden, die Schmidt schon während der Überarbeitungen oder spätestens bei der Druckfassung gestrichen hat. Exemplarisch dafür sei eine merkwürdige Idee Schmidts aus dem Anhang vorgestellt, da sie einen aufschlussreichen Hinweis auf Schmidts Selbstbild und Selbstverständnis sowie auf seine Sicht von Literatur bietet."Es sei mir vergönnt, Allen an Büchern irgendwie Interessierten zwecks präziserer Verständigung hier noch folgenden Vorschlag zu machen: Wie irreführend ist es oft, zu sagen, ein Buch zähle 500 Seiten; nachher hat es auf jeder einzelnen davon nur 20 Zeilen und in jeder 40 Anschläge = 800 Buchstaben. Ein anderes, von "nur" 200 Seiten, aber mit 40 Zeilen a 50 Anschläge, enthält genau so viel Text. Man führe endlich in Wissenschaft und Buchhandel den Begriff der "Normalseite" (abgekürzt: SN) von 2000 Buchstaben pro Seite ein! Es bleibe natürlich auch in Zukunft jedem unbenommen, mit Format, Zeilenzahl oder Typen völlig souverän zu schalten, aber man füge der Anzeige auch des apartesten Sonderdruckes noch in Klammern hinzu: "SN 340" - oder wieviel es nun gerade sind. Das würde, konsequent durchgeführt nicht nur in Katalogen aller Art, viel nützen, sondern endlich auch einmal ermöglichen, das Werk eines Schriftstellers rein quantitativ zu fixieren und mit anderen vergleichbar zu machen." (TS, S. 639)Auf den ersten Blick geht es um den ungewöhnlichen, aber durchaus einleuchtend wirkenden Vorschlag, Literatur von ihrem Umfang her vergleichbar zu machen. Durch Einführung einer Normalseiten-Angabe könnten Wissenschaft und Buchhandel auf standardisierte Beschreibungen literarischer Werke zugreifen. Auch das Wozu scheint Schmidt zu beantworten: Ihm geht es darum, "das Werk eines Schriftstellers rein quantitativ zu fixieren und mit anderen vergleichbar zu machen." Dies ist allerdings, wenn wir von einem Verständnis qualitativ wertvoller Literatur, die sich in einem Literaturkanon manifestiert, ausgehen, problematisch. Wie macht sich da das Gesamtwerk Büchners im Vergleich zum Gesamtwerk Goethes aus, welcher Gehalt soll aus so einem Vergleich denn resultieren?Tut man dies allerdings als mathematische Spinnerei Schmidts ab, der sich selbst ja als Mathematiker - erinnert sei an die Logarithmentafel - verstand und Zeit seines Lebens eine präzise numerische Erfassung seiner Lebensumstände - als Beispiel sei an die Umzugskarten aus Bargfeld erinnert - anstrebte und mit der literarischen Arbeit verknüpfte, tut man dies also als Spinnerei ab, so greift man zu kurz.
Auffällig an vielen Arbeiten Schmidts ist gerade das Bestreben, einen literarischen Kanon zu entwerfen, der, ähnlich dem Schiffskatalog Homers, immer wieder, teils leicht variiert, aber immer stereotyp-selbstvergewissernd rezitiert wird. Hölter (1998, S. 16), bezeichnet den Dichterkatalog geradezu als konstituierendes Element von Arno Schmidts Arbeiten, ein "exzentrischer, subjektiver Kanon" aus Erzählern, "deren Anspruch mit Trivialität gewürzt ist. Sie gehören weitgehend dem 18. oder 19. Jahrhundert an, sind also im Prinzip einem breiteren Publikum zugänglich." (S. 17) Und: Sie haben oft ein ansehnliches, umfangreiches Werk hinterlassen. Viele Autoren, die dem Kanon Schmidts angehören, haben sich erst im Sinne einer Kettenreaktion aus den Leseerfahrungen Schmidts heraus ergeben. Die Lektüre eines Autoren zieht, wenn man wiederum dessen prägenden Leseerfahrungen nachgeht, die Lektüre anderer Autoren nach sich, bis ein dichtes Beziehungsnetz wiederholt rezitierter und sich gegenseitig zitierender Literaten entsteht.
Mögen die steten Umzüge und der Zwang, auf der Flucht vor den vorrückenden russischen Truppen im zweiten Weltkrieg die eigene erste Bibliothek auszusortieren, um das Wichtigste zu retten, biographische Hintergründe einer steten Reflexion über den Wert von Büchern und Literaten sein, so kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Es geht mit dem Versuch der Quantifizierung auch konkret darum, literarische Leistung mit Präzision zu messen und dann zu bewerten. Als Problemstellung wird dies im gesamten Werk Schmidts immer wieder thematisiert, und die zentralen Aspekte sind dabei der Zusammenhang zwischen literarischer Masse, literarischer Qualität und Fleiß (Arbeitsethos) sowie die Zwänge, die sich aus einer im Leben nur begrenzten Leseleistung ergeben.
So wirft sich für Schmidt die Frage auf, wie viele Autoren und Bücher überhaupt verarbeitet werden können. Schon 1940 / 41 macht er sich erste Gedanken über den notwendigen Buchbestand eines Privatmannes. Ausgehend von Tiecks Großbestand von etwa 16.000 Bänden, die er allerdings im Alter verkaufte, sieht er als notwendigen Grundbestand eines Privatmannes noch 400 bis 500 Bände an, zur Hälfte aus Literatur, zur Hälfte aus Nachschlagewerken bestehend. 1953 wird die maximale Anzahl lesbarer Autoren in "Seelandschaft mit Pokahontas" grob umrissen:
"(Im Leben kann man höchstens 100 Autoren richtig kennenlernen, mehr Zeit hat man nicht;" (I/1, 419-420),Das zwingt, so die Folge, zu einer radikalen Selbstdisziplinierung:"Warnung: »Überlegen Sie sich’s zwanzig Mal, ehe Sie irgend ‹Gesammelte Werke› kaufen! Sie werden von selbst vorsichtiger, wissen Sie erst, daß Sie sich jedesmal mit einem kompletten Fremdleben, einem Superschicksal, belasten: mehr, als Sie bewältigen können. – Wer mehr als 1 Dutzend ‹Gesamtausgaben› besitzt, ist ein Charlatan! –" (Gelehrtenrepublik (1957), I/2, 317)Mit fortschreitendem Alter scheint sich das Problem der Auswahl und Berechnung möglicher Leseleistungen immer drängender zu stellen, jedenfalls werden die Berechnungen immer konkreter und detaillierter:"Es gibt noch weit beunruhigendere Betrachtungen hier! Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20000, demnach rund 15000 Lesetage zur Verfügung. [...] Sagen wir, durchschnittlich alle 5 Tage 1 neues Buch – dann ergibt sich der erschreckende Umstand, daß man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag! Und selbst wenn man nur 3 Tage für eines benötigte, wären’s immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, daß es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heißen. Ich möchte es noch heilsam=schroffer formulieren:Daraus entwickelt Schmidt in "Meine Bibliothek" (1964) drei Jahre später die Berechnungen für eine nach Umfang und Ausstattung her optimale häusliche Bibliothek. Ausgehend von der Alexander von Huboldts (20.000 Bände), errechnet Schmidt erst die maximale Leseleistung, die ein Mensch in seinem Leben bewältigen kann:
Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen:
Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur!" (Julianische Tage (1961), III/4, S. 91-92)"a) wieviel Bücher kann 1 armes Menschengehirn, wie es zur Zeit (ich meine biologisch) gebaut ist, überhaupt beherrschen=verwalten? / Sehr großzügig gerechnet liest man ‹mit Verstand› vom 5–25000 Lebenstage; d.h. pro Tag 1 Band angenommen (wiederum großzügig; das setzt Zeit & Lesebegabung voraus) könnte man 20000 Bücher zu sich nehmen, (gleich 0,1% der vorhandenen)." (III, 4, S. 362)Daraufhin differenziert er weiter aus, was einem Übersetzer und Schriftsteller als minimaler Mindestbestand an Büchern zur Verfügung stehen muss:"In der Stadt, nahe einer Großbibliothek, kommt er mit ein paar Hundert aus; in ländlicher Abgeschiedenheit, wo Autarkie zum Hauptgebot wird, (man kann nicht tagelang ’rumreisen, das ergibt unangenehmste Hemmschuhe 2. Ordnung!), liegt das Minimum, meiner Erfahrung nach, bei etwa 60 Metern Bücher, (rund 2 Tausend Stück; 3 dürften besser sein; man wird schließlich, lebt man länger, zwangsläufig Spezialist für 1 Dutzend Gebietlein)." (III, 4, S. 362)Erwartungsgemäß umfasst Schmidts Bibliothek die geforderten 3.000.Letztlich bleibt aber das Lesen ein hoffnungsloses Unterfangen, da mit der ablaufenden Lebenszeit von 25.000 Tagen jedes weitere Buch zum Hindernis für die Lektüre anderer Bücher wird, welche wiederum ... usf. Resignierend dann Ende der 60-er Jahre ausgedrückt in "Was wird er damit machen" (1969), II, 3, 312), als sich aus Schmidts Sicht wohl auch die Lesekultur hin zu einem Kurzzeitkonsum, weg von einer vertiefenden Auseinandersetzung, wandelt:
"B. (zustimmend): Tcha; literarische Verdauungskraft in allen Ehren; aber: ist unsre Zeit für solch zähen PendelGang ... (sich unterbrechend, bzw berichtigend): – halt!; ich werd’unfair. Ich kenn das Buch ja gar nicht; und Sie haben ihm ausdrücklich nette Munterkeit bescheinigt. Sag’ich sô: 1200 Seiten?: das verlangt 25 Lesetage à 50; und selbst wenn Einer 100 schaffte, wären’s immer noch 12! Wer? (außer Profis) hat noch die Muße, so viel auf Lektüre zu wenden? ..."Die lebenlang intensive und immer differenzierter werdende Auseinandersetzung mit der Frage ist nicht nur ein Rechenexempel. Es geht um den Kernbereich der Möglichkeiten extensiver Lektüre, die die Voraussetzung für das eigene Schreiben ist, in ihrer Kollision mit dem Schreibprozess, der zudem noch vom Zwang des Broterwerbes beschnitten ist. Systematisches, auswählendes Lesen aber zwingt neben einer genauen Kenntnis der Qualität - "es gibt keinen Dichter, der nicht besser nur die Hälfte geschrieben hätte; bei den meisten war ein Viertel schon zu viel.-" (Murawski (1948), III, 3, 57) -, sondern auch zu notwendigen Vorinformationen zur Quantität, um die ablaufende Leseuhr nicht übermäßig zu belasten. Schon 1940 / 41 wird in den "Dichtergesprächen" diskutiert:"- sind wir nun der Frechheit aller eilfertigen Schmierer ausgeliefert, dem lächerlichen Aberwitz der literarischen Handlanger und Buchstabenkneter - [...] Aber sei gerecht: kommt nicht auf ein lesenswertes Buch eine Myriade beschmutztes Papier, auf ein wahrhaft gutes Werk aber eine Myriade nur lesenswerte Bücher?"Das Wertlose verschwindet im Sinne einer Selbstregulierung allerdings nicht von selbst: "in endlos flacher Flut immer neue dieser Albinos des Geistes erschienen, die ebenso seicht, wie unerschöpflich sind." (I, 4, 243-244) Daher bedarf es Literaturpfleger, als welcher sich Schmidt versteht, die wahre Literatur ehren und retten - auch das eine Funktion des Schmidtschen Literaturkanons. Eine eingeführte Normalseite ermöglicht, so wohl die Phantasie Schmidts, eine Optimierung des Lese-Schreib-Prozesses, macht seinen Umfang planbarer und schützt vor unfruchtbaren Fehlgriffen und möglichen Hemmnissen, das eigene Lebenswerk noch durchführen und beenden zu können.Die ständig wiederholte Benennung eines Lektürekanons liest sich zudem vor diesem Hintergrund nicht nur wie "Oberlehrertum" oder der Versuch, eine Lesergemeide zu stiften (Hölter (1998), S. 24), die Interdependenz von Lesen und Schreiben Schmidts erzwingt bei einem Schmidtleser geradezu den notwendigen Nachvollzug des Textkanons, wenn er die Texte des Bargfelders entschlüsselnd lesen möchte: "Er ist also ein hermeneutisch notwendiger Kanon, ein Kommentarsubstrat, ein Hilfsmittel, das zunehmend sekundären, auf den primus auctor Arno Schmidt verweisenden Charakter gewinnt." (Hölter (1998),S. 24) Der vor dem gleichen Problem der begrenzten Lebensleseleistung stehende Leser Schmidts erhält daneben aber auch von seinem Autor mit dem Lektürekanon ein Kompaktum, an dem er sich "ökonomisch" entlanghangeln kann, um sich möglichst viel des Entschlüsselungsmaterials anzueignen - ohne freilich, dies erinnert ein wenig an Hase und Igel, je die Chance zu haben, wirklich Schmidts Diktum erfüllen zu können.
Noch ungeklärt bleibt damit aber der von Schmidt mit der Normalseite erhobene Anspruch, eine differenzierende Vergleichbarkeit des Werkes von Schriftstellern herstellen zu wollen. Was sich im ersten Moment wie ein rein quantitatives Messen liest, wird, wenn man den Lebenshintergrund Schmidts mit einbezieht, abermals zu einer existentiellen Frage. Nicht nur der Leseprozess, auch der Schreibprozess unterliegt dem Diktat der verfließenden Zeit. Dies ist für einen Autor, der mit 32 Jahren beschließt, freier Schriftsteller zu werden, und mit 36 Jahren seine erste Veröffentlichung aufweisen kann, dies ist bei den hochgesteckten Ambitionen Schmidts fast schon eine Vorverurteilungen zum immanent innewohnenden, schier zwangsläufigen literarischen Scheitern. In der von Alice Schmidt wegen der Erkrankung Arnos 1973 verlesenen Dankadresse zum Goethe-Preis werden die durch Nationalsozialismus und Weltkrieg beschnittenen Lebenspläne einer ganzen Generation an seinem Beispiel exemplifiziert:
"Dagegen stand über unserem Start – ja, über der ganzen Laufbahn – ein böses ‹Zu spät!›. Wir hatten ja nicht einmal SchreiPapier in jenen Jahren, dicht nach ’45; mein ‹Leviathan› ist auf TelegramFormulare notiert, von denen mir ein englischer Captain einen halben Block geschenkt hatte. Es ist ein wunderlich Manuskript; und die heutigen jung=Unverstandnen, bei denen angeblich ‹die Gesellschaft versagt›, dürften sich getrost daraus entnehmen, was wirkliche Sorgen sind, und was übermütige Wehwehchen. Hinzukam die unwahrscheinliche Energieleistung, mit 35 noch einmal neu anzufangen; und die fehlenden Jahre, um die man uns betrogen hatte, möglichst wieder einzubringen.Zu spät zu kommen, erfordert einen eisernen Arbeitsethos, um ein literarisches Lebenswerk überhaupt noch schaffen zu können, das - quantitativ - mit zumindest den Autoren der zweiten Reihe konkurrieren kann. Die Forderung nach Normalseiten kann dahingehend als Versuch interpretiert werden, ein Kriterium zu schaffen, ob der eigene literarische Weg erfolgreich ist oder nicht, ob die Zeit im Laufe der rastlosen, ja hektischen Lektüre und literarischen Produktion - bis zur Selbstzerstörung über physische Grenzen hinweg - noch ausreicht, ein Werk zu schaffen, das literarhistorisch zu konkurrieren vermag. An Heinz Jerofsky hat Schmidt ganz ähnlich in seiner "Wundertüte" formuliert:Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ‹Die Arbeit› zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet: ich kann das Geschwafel von der ‹40=Stunden=Woche› einfach nicht mehr hören: meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ‹Zettels Traum› 25000 erfordert! – es war ein großer Tag, als er fertig war.
ALFRED DÖBLIN hat sich, als wir uns das erste Mal sahen, mein bißchen ‹Werdegang› schildern lassen; ich machte das so kurz wie möglich ab; worauf er besorgt sagte: ‹Sie werden viel arbeiten müssen.› Das habe ich getan." (III, 4, 63-64)
"Wie ein Vierzigjähriger wachliegt und nach seiner Jugend stöhnt [...] Zwanzig Jahre hat man zu lange gelebt; sich für Geld kaufmännisch gebärdet, höflich; in Nichtswürdiges gebissen. Argentoratum, Gradmessungen in der Romsdalskette, englische Tanks beschossen, hinter Stacheldraht geflucht, Autor ist man geworden: zwanzig Jahre zu spät." (H.J. (1948), III, 3, 45)Literarische Quantität erhebt Schmidt damit zum Kriterium für Bedeutsamkeit, für literarischen Erfolg. Auch Zymner (1998), S. 28, stellt als Leitgedanken der Schmidtschen Selbstdarstellung fest, dass "schier unmenschlicher Fleiß und entsagungsvolle Disziplin" einen Gelehrten erschaffen, der "als mittelloser Privatmann quasi-wissenschaftliche Studien betreibt." Dabei schreckt Schmidt nicht nur vor Legendenbildungen zurück, so in dem Biogramm 1950 an den Rowohlt-Verlag, 1930 in Breslau ein vielseitiges Universitätsstudium aufgenommen und insbesondere Astronomie studiert zu haben. Auch bezeichnet er die seit 1937 verfasste Logarithmentafel als eigentliches Lebenswerk. Thematisiert werden im literarischen Schaffen immer wieder Philosophie, Geologie, Astronomie, Literaturwissenschaft, Psychoanalyse und Mathematik, wie Schmidt auch schon 1948 in dem Brief "An Uffz. Werner Murawski" gefordert hat:"Und wiederhole Dir, was ich Dir früher über den Kursus sagte, den jeder Denker durchlaufen muß, wenn er überhaupt von uns gehört werden will: zur Erkenntnis unserer räumlichen Situation: Mathematik, Astronomie, Geographie; zum Überblick über die zeitlichen Verhältnisse: Geologie, Paläontologie, Geschichte; zur Orientierung in seiner Umwelt: rezente Biologie, Physik, Chemie, Kulturgeschichte." (III, 3, 50)Die systematische Verknüpfung von Literatur und Wissenschaft drückt dieses Bedürfnis nach Überdauern im Werk aus, nur diesen beiden menschlichen Kulturleistungen gesteht Schmidt eine Form von Unvergänglichkeit und Ewigkeit zu ( "was bleibt aber stiften die Dichter." (Dichtergespräche I , 4, 242); "Wer nur kann groß sein?" "Künstler und Wissenschaftler! Und sonst niemand!" (Enthymesis I, 1, 19)) -, besonders dann, wenn eine lückenlose Verknüpfung gelingt. Daher bemüht sich Schmidt neben der Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in Literatur ("Sitara") immer wieder um Theorienbildung ("Berechnungen", Etymtheorie) und streut systematisch naturwissenschaftliches Vokabular ein oder verwendet Paragraphen als Kapiteleinteilungen. Zymner (1998), S. 31, bringt den Zusammenhang thesenhaft auf den Punkte: "Wissenschaft oder Wissenschaftlichkeit bilden bei Schmidt eine Art ästhetisches Orientierungsmodell, an dem er insbesondere auch sein dichterisches Werk ausrichtet."So entstehen Großwerke wie der "Fouqué" oder "Zettel´s Traum", und nicht zuletzt dürfte die Fouqué-Biographie auch deshalb zu dem vorliegenden Monstrum angeschwollen sein, in dem sich, fast symbolisch, durch seine stete Erweiterung auch das immer klarer und öffentlicher formulierte Bedürfnis seines Autors nach Bedeutsamkeit und Wachstum manifestiert. In diesen Werken wird exakt, planvoll-kontrolliert vorgegangen, um Kenntisse (Quantität) zu mehren: "So repräsentiert und favorisiert Schmidt nicht etwa quantitativ verfahrende Strukturgeschichte, sondern Namen, Daten, Fakten sammelnde und erzählende Historie. Und die Themen für germanistische Doktorarbeiten [...] laufen stets auf das Sammeln von historischen Fakten zu besonderen Fällen, nicht aber auf quantifizierende Verallgemeinerung hinaus - sie richten sich auf Kenntnismehrung, nicht aber unbedingt auch auf Erkenntnis." (Zymner (1998), S. 33). Und die Schmidtsche Literatur wird nicht zuletzt ein Produkt der Montage von Kenntnissen, die beim Leser immer wieder ein Gefühl der Überforderung und des Eingeschüchtertseins auslösen, Schmidt als Autor selbst aber hypertroph mit einer höheren Weihe umgeben, mit der er sein Bedürfnis nach Bedeutung zu stillen versucht.
Damit beginnt sich das oben festgestellte Spannungsfeld zwischen Qualität und Quantität, das aus der Forderung nach der Normalseite entsteht, langsam aufzulösen. Eine durch exzessive Leseprozesse ermöglichte umfangreiche Produktion von intertextuell hoch angereicherter Literatur, immer im Kampf mit einer scheinbar rasant schwindenden Restzeit, in der ein Arbeiten und Lesen noch möglich sein wird, führt zu einer Suche nach Vergleichsmaßstäben, die aus Schmidts Sicht legitimerweise auch quantitativ sein dürfen, und einem qualitativ vorbildlichen Literaturkanon aus Vorbildern. Diese werden nicht nur für das eigene literarische Schaffen ausgeschlachtet, sondern gleichzeitig zur erreichbaren Messlatte eines noch zu schaffenden Gesamtwerkes. Die Anzahl der Normalseiten könnten den bislang durchschrittenen Weg zu diesem Ziel angeben.
Literaturhinweise:
- Hölter, Achim: Arno Schmidt als Kanonstifter. In: Arno Schmidt. Leben im Werk. Herausgegeben von Guido Graf, Würzburg 1998 (Königshausen und Neumann), S. 15-27.
- Rauschenbach, Bernd: Editorische Nachbemerkung. In: Schmidt, Arno: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen. Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe III: Essays und Biographisches. Band 1, Zürich 1993, S. 723-728.
- Zymner, Rüdiger: "Rein" und "angewandt". Wissenschaft als Orientierungsmodell von Literatur. In: Arno Schmidt. Leben im Werk. Herausgegeben von Guido Graf, Würzburg 1998 (Königshausen und Neumann), S. 28-40.
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Samstag, 18.11.2000
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© Stephan Reuthner, Pappenheim 2000